Kritische Würdigung der Psychoanalyse

FREUDs großes Verdienst besteht darin, dass er das Unbewusste als wichtige (vielleicht die wichtigste) Größe in der Psyche des Menschen eingeführt und sozusagen salonfähig gemacht hat. Mit seiner Triebtheorie und seinem Persönlichkeitsmodell hat er das Bild von der menschlichen Psyche komplett verändert. Das hat ihm schon zu Lebzeiten viele Anhänger, aber auch viel Kritik eingebracht. In der damaligen Zeit war es eine ungeheuerliche Behauptung, das Handeln des Menschen werde nicht durch seinen Willen und seine Vernunft bestimmt, sondern durch sein unbewusstes Triebgeschehen, und der Sexualtrieb sei die Triebfeder für alle kulturellen Leistungen der Menschheit. FREUD begegnete dieser Kritik unter anderem dadurch, dass er sie psychoanalytisch interpretierte. Seine Theorie stelle eine der drei großen Kränkungen der Menschheit dar. Die erste große Kränkung habe die Menschheit durch Kopernikus erfahren, der nachgewiesen hat, dass die Erde nicht das Zentrum des Universums ist. Die zweite große Kränkung habe Darwin der Menschheit beschert, indem er postulierte, der Mensch stamme vom Affen ab. Die dritte große Kränkung sei die Psychoanalyse, die dem Menschen zeige, dass sein ICH nicht "Herr im eigenen Haus" ist.

Der Hauptkritikpunkt an FREUDs Theorie von Seiten der wissenschaftlichen Psychologie bezieht sich vor allem darauf, dass FREUD seine Theorie auf Grund von Einzelfällen entwickelt hat und die Allgemeingültigkeit seiner Behauptungen (z.B. Ödipuskonflikt) durch wissenschaftliche Untersuchungen nicht oder nur teilweise bestätigt werden konnten. FREUD war aber selbst auch Naturwissenschaftler und hoffte darauf, dass seine Erkenntnisse dereinst durch die Entdeckung eines körperlichen Substrats gestützt werden könnten. Einen solchen Nachweis brachte beispielsweise die Entdeckung der Sexualhormone, deren Wirkung nachweislich das Verhalten und Erleben des Menschen beeinflusst. Auch die moderne Hirnforschung gewinnt immer mehr Erkenntnisse über unbewusste Abläufe und Wirkmechanismen im Gehirn.

FREUD wird vorgeworfen, er habe die Sexualität überbewertet, da er alle psychischen Probleme, ja sogar die kulturellen Leistungen der Menschheit (siehe: Sublimierung) auf die Wirkung des Sexualtriebes zurückführte.
Man muss aber zweierlei in Betracht ziehen:
1. FREUDs Begriff von Sexualität war viel umfassender als das, was wir gemeinhin unter Sexualität verstehen. Für ihn war jede Hinwendung zum anderen und jegliche lustvolle Aktivität Ausdruck des Sexualtriebes.
2. FREUD entwickelte seine Theorie in einer Zeit, als Sexualität ein absolutes Tabu war und eine strenge Moral herrschte. Kein Wunder also, dass seine Patienten und Patientinnen erhebliche Probleme mit ihren sexuellen Bedürfnissen und Phantasien hatten, die von einem strengen Über-Ich kontrolliert wurden. Kinder hielt man für "unschuldige" Wesen, die keinerlei Interesse an sexuellen Dingen haben. So ist es verständlich, dass FREUD die Sexualität und die Bedeutung der psychosexuellen Entwicklung des Kindes besonders betonte.

Fest steht jedenfalls: FREUD hat zweifellos ein umfassendes Werk hinterlassen, das die Grundlage bildete für jede weitere Erforschung des Unbewussten. Nachfolger haben seine Theorie erweitert und in Einzelheiten verändert, aber niemals die Grundprizipien bezweifelt. Den größten Einfluss hatte seine Theorie in der Pädagogik und in der Psychotherapie. Die Bedeutung frühkindlicher Erfahrungen, der Einfluss unbewusster Konflikte und traumatischer Erlebnisse auf das psychische Befinden des Menschen stehen außer Zweifel.

 

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